The Family-Friendly First Person Shooter – gamescom legal

Spielerecht @gamescom

Von den etlichen zehntausend Spielern oft unbemerkt, findet regelmäßig im Kongresszentrum des Messegeländes in Köln während der weltgrößten Computer- und Videospielmesse – gamescom – der bewährte gamescom congress statt. Der Kongress hielt dieses Jahr fünf Dachthemen bereit. Vom „Auto der Zukunft“ über „Jugendschutz und Medienkompetenz“ bis zu „Gamification“ – sprachen und diskutierten dort ca. 85 Experten ihres jeweiligen Fachgebiets mit den Besuchern am gamescom-Donnerstag. Der Autor dieses Berichts hat sich dank Familienzuwachses dieses Jahr nicht der gesamten Messe sondern hauptsächlich dem Kongress und ein wenig dem Entertainmentbereich gewidmet (über die insbesondere jugendschutzrechtlichen Eindrücke hierbei, in einem gesonderten Beitrag). Dank mehrstündiger Zugverspätung und Klimaanlagenausfall im selbigen wurde aus dem angedachten entspannten Messetag eine 24-stündige Odyssee die im nächsten Jahr zumindest durch einen Hotelaufenthalt aufgelockert werden möge.

Sicherheitskontrollen

Die im Vorfeld der Gamescom groß angekündigten Sicherheitskontrollen, die für ewige Warteschlangen, z.B. am Südeingang, sorgten, waren eine Farce: ein in eine gelbe Warnweste gehüllter Hilfsazubi schaut oberflächlich in die mitgebrachte Tasche (ungründlichst, dafür bei jedem Einlass – auch wenn man nur 1 Minute und direkt vor dem Hilfsazubi draußen telefonierte – wurde hier Detektivarbeit geleistet) und wünscht dann viel Spaß. Allen Arbeitsstreß in Ehren, aber dafür hätte man sich den hundertfachen Mindestlohn und den Unmut der Gäste auch sparen können. Die Eintrittshürden überwunden, ging es drinnen auch direkt zur Registrierung und mit dem Kongressprogramm los.

gamescom congress

Die Veranstaltung wurde zunächst mit einer Diskussion über “Fahrend spielen” – Spielen im autonomen Fahrzeug eröffnet. Die Diskussion drehte sich letztlich darum, welche Möglich- und Annehmlichkeiten autonomes Fahren bieten könnte. Man schweifte etwas ab, als es dann nicht mehr ums Spielen, sondern um (Helikopter-) Mütter ging, die ihre Kinder mittels SUV strickend in Kindergarten und Schule bringen würden. Hiernach konnten die Teilnehmer – je nach Interessengebiet – an den unterschiedlichsten Panels teilnehmen. Für mich war natürlich legal interessant. Mit Ausnahme der Diskussion um Datenschutz – die ich zugunsten des Panels zum Jugendschutz und VR auslies – konnte ich auch an sämtlichen Veranstaltungen teilnehmen. Der Höhepunkt war eindeutig die Debatte um die Zukunft des eSports am späten Nachmittag, nach der es die vom Chairman Konstantin Ewald (Osborne Clarke) versprochenen Freigetränke geben sollte, die ich leider aufgrund der – zumindest angekündigten – Zugabreise verpasste.

Video Game Bar Association

Negotiation of Game Contracts

Advanced Drafting Panel

Der Bereich legal wurde dieses Jahr von der Video Game Bar Association Europe (VGBA) ausgerichtet. Die Einführungsveranstaltung mit einer eher überflüssigen Grußbotschaft von Günther Oettinger (“mein Sohn ist 18 und spielt auch”, auf die Präsentation seiner Fremdsprachenkünste, hat er dankenswerterweise verzichtet), konnte dann das Programm auch direkt starten. Begonnen wurde mit einer Diskussion um den European Digital Single Market. Leider hielt sich meine Begeisterung bei diesem Thema in argen Grenzen. Das lag nicht etwa am Desinteresse, sondern an den Teilnehmern, die einerseits flüsterleise ins Mikrofon hauchten, anderseits im Grunde einfach nur die Power Point Präsentation nacherzählten. Erleichterung bot dann die Pause in der Hot Dogs und Getränke serviert wurden und ich noch ein kurzes persönliches Treffen außerhalb des Kongresses realisieren konnte.

 

Virtual Insanity – Jugendschutz und VR

Der Nachmittag wurde für mich mit der BPjM, USK, der Vertreterin der obersten Landesjugendbehörden und Rechtsanwalt Felix Hilgert im Bereich “Wissen” eröffnet. Das Panel bot dem Publikum einen guten Einblick dahingehend, was die Jugendschützer bei der Beurteilung von VR und Spielen allgemein beachten und auf welche Kriterien sie überhaupt nicht schauen (Hardware). Dies führte bei so manchem wohl zu Verständisproblemen. Man wollte nicht so recht akzeptieren, dass das Elternprivileg genügen soll und man keine USK-Aufkleber auf Hardware – hier wurde das Thema Fahrrad zum wohl passenden Vergleich hergenommen, welches ebenfalls keine entsprechenden Aufkleber aufweise oder künftig aufweisen wird – anbringen kann. Die bei der Beurteilung der Alterseinstufung notwendige sogenannte Hardwareneutralität bedeutet, dass Spiele unabhängig von ihrem System getestet und eingestuft werden. Das System selbst ist nicht Gegenstand der Prüfung, auch wenn man durch das System eventuell sterben könne, wie Moderator Uke Bosse feststellte (man stolpert über die Leitung oder fällt aus dem Fenster). Hier hätte der Gesetzgeber, wollte er eine Altersempfehlung oder -beschränkung aussprechen, genug Möglichkeiten, die er allerdings nicht ausschöpft. Natürlich wird aber eine größere Immersion, sollte sie durch die VR-Brille tatsächlich stattfinden, von den Prüfgremien berücksichtigt. Nach bisheriger Erfahrung der Prüfer konnte dies jedoch im Regelfall nicht festgestellt werden. Felix Falk, Geschäftsführer der USK mahnte auch dazu, nicht den aktuellen Hype um VR bei der Beurteilung einzubeziehen. Die Jugendschützer müssen objektiv an die Geräte herangehen und nicht mit den Augen eines “Neulings”. Passend hierzu auch der Einwurf aus dem Publikum, wo befürchtet wurde, dass ein Rettungssanitäter, der mittels VR-Technologie ausgebildet wird, ein Trauma davontragen könnte, wenn sein virtueller Patient verstirbt. Dies wurde von Hilgert (selbst RettSan) dahingehend beantwortet, dass man bei Jugendlichen – sofern solche mit dieser Technologie ausgebildet würden – den Schwierigkeitsgrad nicht überdiemaßen ansetzen müsse, aber durchaus der Kandidat lieber in einem Spiel einen Patienten verlieren möge und dann feststellen kann, dass er nicht für den Dienst geeignet ist, als wenn dies erst im richtigen Einsatz passiert. Eine Traumatisierung jedenfalls würde eher durch “echte” Todesopfer erfolgen, als durch den virtuell Verstorbenen.

IP-Developments, Drafting & eSports

Nächste und sehr interessante Themen mit durchaus guten und lebhaften “Speakern” waren zunächst IP developments in Europe and the US. Frederik Fierst und Christian-Henner Hentsch zeigten aktuelle Entwicklungen und Unterschiede im transatlantischen Urheber- und Kennzeichenrecht auf. Unter anderem wurde die aktuelle “Key-Seller”-Prolematik besprochen. Fierst führte zudem sehr unterhaltsam in die US-Gesetzgebung ein und betonte die Sinnhaftigkeit der seiner Ansicht nach unverzichtbaren Copyright-Registration in den USA. Ein Punkt, welcher durchaus nicht von der Hand zu weisen, aber wohl mit deutschem und europäischem Urheberrecht nicht zu vereinbaren ist.

Weiter ging es mit einer Diskussion um Advanced Drafting – Negotiation of Game Contracts. Hier tat sich VGBA-President Patrick Sweeney – nicht nur, aber doch sehr – mit seinem Umgang des Mikrofons als Zeigestab hervor. Zur Sache ging es um oft praxisuntaugliche Klauseln in Verträgen, die Art der Streitschlichtung und weiterer Details. Nach diesem Panel wusste man jedenfalls auch, welche Mandanten man nicht will und dass “fun … not a legal concept” ist.

Beendet wurde der “Summit” schließlich mit der Debatte eSports – the next big thing. Jas Purewall führte durch die angenehme Runde, aus der Activision/Blizzards Charles N. Slingsby mit Lautstärke und Enthusiasmus hervorstach. Sein Aufruf “you need a Family-Friendly First Person Shooter (FFFPS)” kam nicht von ungefähr, soll doch Overwatch (PEGI 12, USK16, ESRB-T) am liebsten das nächste Highlight am eSport-Himmel werden, da bei Call of Duty wohl langsam das Aktualisierungspotential ausginge. Thematisiert wurde zudem unter anderem die Glückspielsproblematik (hier wurde aus dem Publikum die nicht unberechtigte Frage nach Hearthstone gestellt), die Vertretung von Spielern und die Möglichkeiten im Bereich des eSport überhaupt an der Wertschöpfungskette zu partizipieren. Jas Purewal warf gegen Ende und damit den Kongress beendend noch einmal die Frage nach dem Doping auf, die auch bei uns zu einer Anwendung entsprechender von Herrn Maas kürzlich neu geschaffener Strafrechtstatbestände führt. Anerkennung als Sport hin oder her.Logo Gameslaw TM


Michael Scheyhing, 23.08.2016