Street Fighter V – Gewährleistung im Spielerecht?

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Viel Unmut geht derzeit bei den Käufern des neuesten Ablegers der klassischen Prügelspielserie Street Fighter um. Das Spiel brilliert mit extrem wenig Funktionen und so mancherlei Konnektierungsproblem. Ob es nun am Netcode liegen mag, an den überlaufenen Servern oder an der zu kurz gesetzten Veröffentlichungsfrist: Es muss sich bei einem Spiel, welches derart viele Probleme aufweist die Frage stellen, welche Ansprüche der Kunde bei solchen Problemen hat?

Mängelhaftung bei Spielen?

Auch Videospiele sind ein Produkt, das vom Verbraucher gekauft wird um dieses einem bestimmten Nutzen zuzuführen. Es handelt sich um eine Ware wie jede andere auch. Sei es bei Online gekauften Spielen oder bei klassischen Trägermedien, das Kaufrecht gilt auch hier. Man muss allerdings durchaus unterscheiden, zwischen der Mangelhaftigkeit des Trägermediums und der Mangelhaftigkeit des Spieles selbst. Bei einem defekten/mangelhaften Trägermedium bestehen keine Zweifel an der normalen Gewährleistungshaftung. Interessanter wird es, wenn das Spiel aufgrund eines fehlerhaften Codes nicht reibungslos funktioniert.

Welche Ansprüche habe ich als Kunde?

In Frage kommt ein Anspruch aus Gewährleistungsrecht nach §§ 433 Abs. 1 S.2, 434, 437 ff. BGB. Hierzu müsste das gekaufte Produkt (also die Software) im Zeitpunkt des Gefahrübergangs einen Mangel aufweisen. Ein Mangel ist die negative Abweichung der Ist- von der Sollbeschaffenheit. Anders ausgedrückt: Die Eigenschaften, die ich beim Kauf vereinbart habe, muss das Produkt letztlich auch aufweisen. Der Kunde vereinbart natürlich mit dem Verkäufer regelmäßig nicht, wie das Spiel funktionieren und was es für Eigenschaften aufweisen soll. Man geht dann von einer üblichen (zu erwartenden) Beschaffenheit eines Produktes aus. Ein Spiel ist üblicherweise dann mangelfrei, wenn es den vom Hersteller erweckten Erwartungen gerecht werden kann, wobei nicht der subjektive Spielspaß von Relevanz ist (dies wäre höchstens im Falle einer übernommenen Garantie möglich), sondern die einzelnen Funktionen des Spiels betrachtet werden müssen. Ist das Spiel mangelhaft, kommt ein Anspruch auf Nacherfüllung, Rücktritt oder Minderung sowie Schadens- und Aufwendungsersatz in Betracht, §§ 439 ff. BGB.

Konkreter Anspruch im Fall von Street Fighter V:

Street Fighter V macht zwar Vieles richtig, aber auch so einiges falsch. Es bleibt durchaus hinter den Erwartungen vieler Fans zurück. Vielerorts im Netz sieht man Unmutsäußerungen und auch bei uns kamen bereits Anfragen, ob man da nicht rechtlich etwas unternehmen könne. Grund genug, das Spiel und seine potentielle Mangelhaftigkeit einmal genauer zu beleuchten. Notwendig ist zunächst, die übliche Beschaffenheit festzustellen:

Bei Street Fighter handelt es sich um das Genre Kampf- oder Prügelspiel, welches generell als Fighting Game oder auch als Beat ´em up bezeichnet wird. Von einem solchen Spiel erwartet der Käufer, dass mindestens zwei Charaktere sich in einer Szenerie gegenüberstehen und gegeneinander kämpfen. Die rundenbasierten Kämpfe laufen so lange bis der Lebensbalken eines Spielers verbraucht ist. Wer die meisten Runden übersteht (meist 2 aus 3), gewinnt das Match.

Die typischen Charakterzüge eines Kampfspiels werden von Street Fighter V durchaus erfüllt. Das Spiel weist alle Notwendigkeiten auf, um ins Genre zu passen und liefert auch die typisch erwarteten Eigenarten wie Solo-Spiel, Offline-Multiplayer, Online-Multiplayer, Ranglisten etc. Anders sieht es mit dem Umfang aus: da das Spiel selbst für Solo-Spieler (derzeit) nur sehr wenige Inhalte bereithält und es offensichtlich stark auf Online Multiplayer ausgelegt ist, liegt der Schwerpunkt der Betrachtung also auf den Online-Matches. Von einem Kampfspiel erwartet man an Grundumfang typischerweise eine funktionierende Netzwerkverbindung, schnelle Matchfindung (und eine leichte Einbindung von Bekannten/Freunden), lag-freies Spielen und eine abschließende Bewertung des Kampfes. All dies funktionierte beim Vorgänger Street Fighter IV nahezu perfekt. Der zu erwartende Standard liegt also zumindest im oberen Bereich.

Um einen Mangel bejahen zu können, muss die erwartete Qualität mehr als nur unerheblich von der tatsächlich gelieferten Qualität abweichen. Wir haben daher die verschiedenen Modi getestet. Der Solo-Modus vergangener Spiele war im Umfang eher bescheiden und ist auch bei vielen anderen Vertretern des Genres nicht gerade üppig. Zwar wurde im Vorfeld gerade auch das Solospiel im Hinblick auf einen Kampagnen-Modus beworben, dies dürfte aber regelmäßig nicht zum Hauptkaufgrund geworden sein. Von daher kommt ein Mangel aufgrund weniger Solospielhinhalte nicht in betracht.

Spielerecht

„Casual-Waiting“ statt „Fighting“ in Street Fighter V

Man muss sich also die Online-Funktionen ansehen. Hier gibt es Ranglistenspiele, Freundschaftsspiele und diverse andere Modi, die teilweise noch nicht freigeschalten (enthalten) sind. Im Freundschaftsspiel-Modus, dem sogenannten „Casual-Match“ brachen wir der Suchvorgang nach knapp 10 Minuten ab. Ein Spiel konnte auch nach mehrmaligen Versuchen nicht gestartet werden.  Daher liegt hier bereits ein Mangel vor. Der Mangel muss aber darüber hinaus auch bedeutend sein. 10 Minuten oder länger auf eine Onlineanbindung in einem „Quick-Match“ zu warten, ist dem Käufer nicht zuzumuten. Im gewerteten Online-Modus gelang es bei fünf Versuchen gerade einmal eine Verbindung (nach einer Suchzeit von 7 Minuten) mit einem anderen Spieler herzustellen. Dieser brach das Match jedoch nach der zweiten Runde ab. Ein sogenannter „Rage-Quitter“.

Derzeit kommt es vielen Medienberichten zu Folge – zusätzlich zu den sowieso schon vorhandenen Verbindungsproblemen – zu etlichen „Rage-Quits“.  Der Grund dafür dürfte darin zu suchen sein, dass keine Strafe für das Abbrechen eines gewerteten Spiels folgt. Bei einem solchen Spielabbruch wird die eigene Wertung nicht in die Rangliste aufgenommen, was wiederum die Erwartungshaltung an das Spiel nicht erfüllt. Capcom hat das Problem zwar adressiert und behauptet an einer Lösung zu arbeiten, aber dieses Grundproblem hätte auch schon während der Entwicklung beachtet werden müssen. Nach alledem ist die Mangelhaftigkeit des Spiels nicht mehr zu leugnen.

Ausschluss: musste man mit Verbindungsproblemen rechnen?

Ein Gewährleistungsanspruch könnte dann ausgeschlossen sein, wenn die übliche Beschaffenheit neuer Spiele mit vielen Online-Funktionen darin besteht, dass ein Spiel grundsätzlich mit Kinderkrankheiten auf den Markt kommt und erst nach einer gewissen Zeit erwartet werden kann, dass es in dem vom Hersteller versprochenen Umfang funktioniert. Auf eine solche Idee könnte man kommen, gab es doch letzens einige Ableger von Ubisoft, EA, Activision etc, die erst nach umfangreichem „patchworking“ halbwegs anständig funktionierten.* Diese Meinung vertreten mit Sicherheit die Hersteller und auch von manchem Verkäufer wird man ähnliche Ansichten hören. Von unserer Seite gibt es hierzu ein klares: Nein!

Capcom hielt mit dem vorherigen Street Fighter Ableger eine gute Infrastruktur bereit. Es kann vom Kunden nicht verlangt werden, dass er – in Zeiten in denen Spiele oft unfertig auf den Markt kommen und Serverprobleme oder ähnliches häufig auftreten – dies in Kauf zu nehmen hat. Dies vor allem im Hinblick darauf, dass er entsprechende Qualität erwarten durfte. Das Vertreten einer gegenteiligen Meinung würde dazu führen, dass die gesetzliche Gewährleistung aufgrund von dauerhaft schlechter Qualität ausgeschlossen würde. Dies jedoch widerspricht gerade dem Regelungsgedanken des Kaufmängelrechts. Auch die teilweise vertretene Auffassung, dass man wohl einige Zeit, zumindest aber zwei Wochen warten müsse, bis die ersten Patches vom Hersteller online gestellt wurden und erst, wenn das Spiel dann immer noch nicht funktioniere (in analogie zur Händlernacherfüllung als dessen Haftungserleichterung), man seine Gewährleistungsrechte in Anspruch nehmen dürfe, ist abzulehnen, weil der Mangelbegriff auf den Zeitpunkt des Gefahrüberganges abstellt und eben gerade nicht auf einen vom Hersteller des Produkts zu bestimmenden späteren Zeitpunkt. So urteilte auch das LG Berlin in seiner Entscheidung v. 28.01.2014 mit Az.: 15 O 300/12, als es einem Anbieter – eines nur online spielbaren Spiels – verbot, einen „Kulanzausfall“ von 72 Stunden als Kündigungsausschluss in seinen AGB zu verwenden. Häufig kurzfristige sowie langfristige Ausfälle können durchaus einen außerordentlichen Kündigungsgrund darstellen, entsprechende ausschließende Klauseln in AGB und EULA sind regelmäßig unzulässig. Zwar ist Street Fighter V auch offline spielbar, aber der Schwerpunkt des Spiels wurde vom Hersteller auf den online-multiplayer-part gelegt, so dass sich das Spiel hauptsächlich an seinen Onlinefunktionen messen lassen muss und hier eine entsprechende Bewertung passend erscheint. Zudem spricht dafür, dass das Spiel bei manchen Versuchen es zu starten, den Zugang zum Offline-Modus verwehrt, weil eine Verbindung zu den Servern nicht möglich ist (vgl. Titelbild).

Street Fighter V Spielerecht

Server überlastet – Onlinespiele unmöglich

Capcoms Garantie

Dem Spiel liegt eine Garantiekarte für eine 90-tägige Beschaffenheitsgarantie bei. Die Garantie umfasst die Gewährleistung, dass „das Spiel 90 Tage ab Kaufdatum im Wesentlichen wie in der beiligenden Anleitung beschrieben funktioniert“. Soweit so gut. Die ominöse „beiligende Anleitung“ haben wir jedoch vergeblich gesucht. Im Übrigen geht die gesetzliche Gewährleistung weit über das Hinaus, was hier garantiert wird (die Möglichkeit der Rückgabe oder der Ersatzlieferung beim Händler). Die „Garantie“ ist also wertlos.

Die gesetzliche Gewährleistung

Der Käufer kann vom Verkäufer (also dem Händler, Steam, PSN) zunächst Nacherfüllung verlangen. Er kann also entweder die Lieferung eines mangelfreien Produkts oder die Beseitigung des Mangels verlangen. Beides dürfte dem Verkäufer unmöglich sein. Dem Käufer steht demnach ein Anspruch auf Minderung, Rücktritt und Schadensersatz zu. Hierfür muss er aber dem Verkäufer eine gewisse Frist zur Nacherfüllung eingeräumt haben. Das setzen einer Frist ist jedoch dann entbehrlich, wenn eine Ausnahme vorliegt, §§ 281 Abs. 2, 323 Abs. 2, 440 BGB. Die Ausnahme kann wohl bei einem Spiel, dessen Programmcode der Verkäufer nicht beeinflussen kann und bei dem im Zeitpunkt des Nacherfüllungsverlangens keine mangelfreie Alternative vorliegt, stets bejaht werden. Dem Käufer des Spiels steht somit die Möglichkeit frei, vom Verkäufer eine Minderung des Kaufpreises oder den Rücktritt vom Kaufvertrag zu verlangen. Ob der Verkäufer von der Mangelhaftigkeit des Spiels im Zeitpunkt des Verkaufs und des Gefahrübergangs wusste, spielt für die gesetzliche Gewährleistung keine Rolle. Unter weiteren Voraussetzungen kann auch Schadens- oder Aufwendungsersatz verlangt werden.

Fazit: Gewährleistungsansprüche stehen dem Verbraucher auch bei mangelhaften Spielen zu. Die Geltendmachung dieser Rechte dürfte sich aber als schwierig erweisen, da es häufig schon am Grundverständnis bei den Händlern fehlt. Amerikanische Online-Vertriebe wie steam und psn berufen sich häufig auf unzulässige AGB. Für die Durchsetzung entsprechender Rechte sollte im Zweifel ein spezialisierter Anwalt konsultiert werden. Gerne geben wir Ihnen hierzu eine Ersteinschätzung, ob sich eine Auseinandersetzung in Ihrem Fall lohnen würde. Setzen sie sich hierzu bitte mit dem Sekretariat der Kanzlei in Verbindung oder schicken Sie eine kurze Mail.


*Den Käufern der PC-Version von Batman – Arkham Knight bot sogar der Hersteller selbst – nach ewigen Misserfolgen im Bezug auf Fehlerbehebung – den Kunden eine Rückerstattung des Kaufpreises an.

Screenshots: Street Fighter V – Capcom, 2016
Beitrag von: Michael Scheyhing, 23.02.2016