Interview mit Video Games Attorney Ryan Morrison


Kürzlich hatten wir die Chance den Gaming- und E-Sports-Anwalt Ryan Morrison, auch bekannt unter seinem Reddit-Nicknamen „/u/VideoGameAttorney“ über seine Arbeit mit der Videospiele-Industrie und die aktuellen Entwicklungen im Bereich E-Sport zu interviewen. Wir sprachen mit ihm darüber, wie es ihn in die Video Game Industrie verschlug, wie er den Markt sieht und wie er es mit den E-Sportlern hält.

Das Interview ist hier auch in der Originalsprache verfügbar.

 

GL: Hallo Mr. Morrison. Danke, dass Sie sich Zeit für unser Interview nehmen konnten!

M: Sehr gerne, auch wenn die letzten paar Monate zeitlich wirklich verrückt waren, es standen unheimlich viele Termine an, angefangen bei The International (Dota2) über Gamescom und VGBA Summit (Video Game Bar Association – ein Zusammenschluss von in der Branche tätigen Juristen) bis PAX-West (Gaming Konferenz) Anfang September. Morgen habe ich ein E-Sports-Event auf dem ich einen Vortrag halte und danach gehe ich nach Las Vegas, um über Glücksspielrecht zu sprechen. Zur Zeit geht das also wirklich non-stop.

GL: Meine erste Frage ist: Wie kamen Sie zu der Spezialisierung im Videospielerecht?

M: Das war eher ein Zufall. Ich arbeitete in einer Markenrechts-Kanzlei und ich bemerkte auf Reddit, dass eine Menge Spiele-Entwickler ausgenutzt und herumgeschubst wurden. Insbesondere wurde ich auf die Situation aufmerksam, dass Candy Crush sich die Wörter „Saga“ und „Candy“ markenrechtlich schützen ließ und danach kleinere Studios verklagte. So realisierte ich, dass es da eine Möglichkeit gab wirklich etwas Gutes zu tun und Menschen zu helfen. Also bin ich auf Reddit gegangen und habe einige kostenfreie Frage- und Antwort Runden gemacht. Dieser Fall war also mein Erster mit Videospiel-Bezug. Es wurden dann mit der Zeit auch mittelgroße Studios auf mich aufmerksam und mittlerweile habe ich fast zwanzig Mitarbeiter und 90 % meiner Fälle haben Bezug zu Games, das hat sich also schön entwickelt.

GL: Welche Dienste bieten Sie E-Sports-Spielern an?

M: Wir haben einerseits die Kanzlei und andererseits eine Talent-Agentur, beide sind getrennte Unternehmen. In der Kanzlei überprüfen wir die Verträge der Spieler und sorgen dafür, dass sie nichts für sie Nachteiliges unterschreiben und dass die Klauseln sowohl für Spieler als auch Team vorteilhaft sind. In der Agentur verhandeln wir unter anderem Gehälter und Verpflichtungsdauer der Spieler.

GL: Welchen Problemen kann ein E-Sports-Spieler ihrer Erfahrung nach durch Beratung vorbeugen?

M: Das größte Problem ist, dass sie Verträge unterschreiben, ohne sie zu lesen. Aber auch, dass mündliche Absprachen getroffen werden. Spieler sollten alles schriftlich verlangen. Das bessert sich langsam, aber diese Fehler wurden definitiv gemacht, als ich in die Industrie kam. Mittlerweile lassen sich Spieler zum Glück auch schon beraten, bevor Rechtsprobleme entstehen.

GL: Wie sehen Sie die Zukunft für auf E-Sports spezialisierte Anwälte?

M: Ich denke, dass noch viel ungenutztes Potential zur Verfügung steht. Wir haben noch nicht allzu viele Leute, die die Situation verstehen. Es gibt sicherlich eine Handvoll von Anwälten in der Industrie, die sich engagieren und Gutes tun wollen, aber wir sehen jetzt mehr traditionelle Anwälte, die kein gutes Verständnis mitbringen und das reflektiert sich auch in ihren Verträgen. Die schauen nicht darauf, was wirklich wichtig ist in diesem Segment. Ich denke, so vertretene Spieler werden sich in einer schlechten Gesamtsituation wiederfinden.

GL: Auf PAX-West haben Sie gesagt, dass die Spieler der Lebensnerv der Industrie sind.

M: Das sage ich eigentlich überall. Es stimmt ja auch. Daher vertreten wir auch nur Spieler, und keine Teams und stellen sicher, dass die Spieler gut behandelt werden. Es tut gut zu sehen, dass jetzt tatsächlich langsam mehr Rücksicht genommen wird und ich hoffe, dass die Ligen und die Publisher langsam ein Verständnis für eine gute Behandlung von Spielern entwickeln.

GL: Was halten sie von der Entwicklung in den USA, E-Sports-Ligen wie traditionelle Sportligen zu organisieren, wie das nun mit Overwatch geschieht?

M: Ich denke dass das ein guter Weg ist E-Sports zu legitimieren und stabilisieren. Aber im Moment gibt es da natürlich noch einige Schwierigkeiten und ich denke, dass wir irgendwann Spieler-Gewerkschaften sehen werden. Ich glaube nicht, dass der Weg den Riot eingeschlagen hat der richtige ist. Ich glaube, dass dieser Prozess organisch von den Spielern ausgehen muss, aber das werden wir sehen. Es gibt zurzeit noch eine Menge „wir werden sehen“. Aber ich hoffe, dass sich die Ligen größtenteils positiv für die Spieler auswirken.

GL: Denken Sie, dass der E-Sport sich selbst regulieren muss, bevor Regierungen das in die Hände nehmen?

M: Die Videospiele-Industrie in den USA hat die ESRB, welche Selbstregulierung betreibt, so dass die Regierung das nicht übernimmt. Ich denke wir werden etwas Ähnliches im E-Sport brauchen oder wir werden uns in der Situation wiederfinden, dass die Regierung Gesetze machen wird, die schlechter sind als alles, was wir uns vorgestellt haben könnten. Aber wenn die Ligen anfangen, eine Regulierung vorzunehmen, die den Interessen der Spieler widerspricht, dann werde ich meine Meinung sicher wieder ändern und ich werde ein Eingreifen der Regierung befürworten.

GL: Was denken Sie sind die Herausforderungen die bei E-Sports überwunden werden müssen, um langfristig erfolgreich zu bleiben? Gibt es Hürden auf dem Weg und Sorgen die Sie sich machen?

M: Es wird interessant sein zu sehen, wo die Publisher zurzeit stehen und welche Regulierungen sie für den Schutz der Spieler vorbringen werden. Die Publisher halten im Moment alle Karten in der Hand. Damit E-Sports überleben können müssen sie den Willen haben, dass sie überleben und nicht nur schnell Geld daraus pressen wollen. Aber so wie ich das sehe sind sie da auf einem guten Weg.

GL: Eine letzte Frage: Haben Sie selbst noch Zeit für Gaming?

M: Ich habe für gar nichts mehr Zeit, aber ich bin als Gamer aufgewachsen, also tue ich das, wann immer es mir möglich ist.

GL: Vielen Dank für das Interview.

M: Jederzeit!

 


Ergänzung: In Deutschland ist die kostenlose Rechtsberatung durch Anwälte, mit welcher Mr. Morrison seine Kanzlei begründete, nach § 49b Abs. 1 S. 1 der Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) grundsätzlich nicht möglich. Zwar ist es bei einer Erstberatung möglich günstigere als die gesetzlichen Gebühren zu verlangen oder ganz auf eine Entlohnung zu verzichten, die entsprechende Gegenleistung wird sich aber im entsprechenden Rahmen bewegen. Wir raten daher grundsätzlich von Billigangeboten oder marktschreierischer „Geiz ist geil“-Beratung ab. Wir stimmen mit der Einschätzung überein, dass in Rechtsfragen zum Videospielerecht und insbesondere zum sehr jungen Teilrechtsgebiet des E-Sports eine interessengerechte Vertretung nur durch spezialisierte Anwälte vorgenommen werden sollte. Bei einer solchen Beratung gilt es weit über den Tellerand zu blicken, da viele Rechtsgebiete, die bei traditionellen Kanzleien häufig getrennt behandelt werden oder gar nicht zum Kanzlei-Know-How gehören verknüpft sind und beachtet werden müssen.

 


Lukas Kissel / Michael Scheyhing 02.10.2017