Falschvorwürfe im Fall Crytek v. Cloud Imperium Games?


Am 12.12.2017 sorgte eine Klage vom Frankfurter Studio Crytek gegen Cloud Imperium Games (CIG), dem Produktionsstudio des Spiels und Crowdfunding Rekordhalters Star CItizen für Aufsehen. Crytek warf CIG vor, gegen den im Jahr 2012 mit den Frankfurtern geschlossenen Lizenzvertrag über die Spiel-Engine CryEngine verstoßen zu haben. Die in der Klage enthaltenen Vorwürfe wiegen schwer und betreffen zentrale vertragliche Pflichten. Angesichts ihrer Tragweite würde CIG bei ihrer Bewahrheitung einen erheblichen Imageschaden davontragen. In der nun erfolgten Antwort von Cloud Imperium Games an Crytek nimmt das Spielestudio zu allen Vorwürfen Stellung und fügt, um seine Argumente zu untermauern, auch endlich den eigentlichen Lizenzvertrag an. Dieser fehlte im Klageschreiben von Crytek bisher völlig, was zu Verwunderung und Kritik durch Beobachter und auch den Anwälten von CIG führte.

Die Vorwürfe

1. Interessenkonflikt: Unter Punkt 15 der Klageschrift wirft Crytek dem Mitgründer von Cloud Imperium Games und dem Verantwortlichen für die Vertragsverhaltungen, Ortwin Freyermuth, Befangenheit vor, da dieser in früheren Jahren auch für Crytek Vertragsverhandlungen vorgenommen und sein daraus entstandenes Wissen ihm einen unfairen Vorteil verschafft hätte. Auch interessant: Der Verhandlungsführer auf Seite von Crytek, Carl Jones, arbeitet mittlerweile beim Beklagten CIG.

Erwiderung: Nach einem ersten Kontakt der für CIG tätig werdenden New Yorker Kanzlei Frankfurt, Kurnit, Klein & Selz an die für Crytek tätigen Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom nahm Crytek diesen Vorwurf in einer neuen, angepassten Klageschrift zurück, da sie zugeben mussten, dass es sich hierbei um einen Falschvorwurf handelte. Dazu kommt noch, dass beide Parteien vor Beginn der Vertragsverhandlungen ein Dokument unterschrieben hatten, in welchem sie einen Interessenkonflikt von Freyermuth ausschlossen.

2. Lizenzumfang: Die aufsehenerregendste Aussage ist jedoch unter Punkt 20 der Klageschrift zu finden: Die Lizenz hätte nur für die Herstellung eines einzigen Computerspiels genutzt werden dürfen. CIG hätte im Januar 2016 angekündigt, dass die Einzelspielerkampagne “Squadron 42” separat veräußert werden würde und hätte dies im Dezember 2016 noch einmal in einer Pressemitteilung bekräftigt. Damit hätte CIG nach Aussage der Anwälte ganz grundlegend außerhalb des vertraglichen Umfanges des Lizenzvertrages gehandelt.

Erwiderung: Nach einem ersten Blick in die Präambel kommen Zweifel über diesen Vorwurf auf. Hier heißt es: “[…] Crytek gewährt das Recht, die ‘CryEngine’ für das Spiel mit dem momentanen Titel ‘Space Citizen’ (sic) und für das mit ihm in Zusammenhang stehende Raumkampf-Spiel ‘Squadron 42’, hiernach als ‘Spiel’ bezeichnet, zu nutzen […]” Die recht eindeutige lesart dieser Passage könnte ein Grund dafür sein, warum Crytek den Lizenzvertrag nicht der Klageschrift anfügen wollte, denn Kommentatoren im Internet stützten sich schnell darauf, um den Vorwurf durch Crytek als blatante Falschaussage abzutun.

Es muss jedoch beachtet werden, dass Crytek auf “Exhibit 2” des Lizenzvertrages verweist, in welchem geregelt ist, dass das Spiel nicht aus abgesonderten Teilen bestehen darf, die separat verkauft oder vermarktet werden dürfen. Um einen solchen Teil könnte es sich bei “Squadron 42” wohl handeln. Wenn man jedoch die Definition im “Exhibit 2” genauer betrachtet kommen Zweifel auf. Als Beispiel für ein entsprechendes separates Spiel wird ein Echtzeit-Strategiespiel genannt, dass als eigenständiges Computerspiel ohne Interaktion mit “Star Citizen” vermarktet wird. Da “Squadron 42” in den gleichen Umgebungen wie das MMO “Star Citizen” spielen wird, die gleichen graphischen Assets nutzen und auf exakt denselben Spielmechaniken beruht, ist es mit diesem Beispiel wohl nicht zu vergleichen. Auch gibt es zwischen den Spielen solche Interaktionen, die laut Exhibit 2 gegen das Vorliegen von abgesonderten Spielen spricht, da die Errungenschaften aus “Squadron 42” den Spielstart im MMO und die Zugehörigkeit zu bestimmten Fraktionen beeinflussen soll. Das Exhibit 2 nennt außerdem die Voraussetzung, dass die Spielteile über den gleichen Game Client aufgerufen werden müssten, was für die Entwickler von Star Citizen wohl reine Formsache sein dürfte.

Weiterhin ist anzumerken, dass der Vorwurf wohl auch nur für den Zeitraum zwischen Januar 2016, also der ersten Ankündigung des separaten Verkaufs von “Star Citizen” und “Squadron 42”, und dem Dezember 2016 gelten kann. Denn ab Ende 2016 nutzte CIG schon nicht mehr die Cryengine, sondern Amazon’s “Lumberyard”-Engine. Im Ergebnis sieht sich Cryteks Anschuldigung also starken Gegenargumenten ausgesetzt, aber sie ist nicht mit einem Blick auf die Präambel des Vertrages vom Tisch zu wischen, wie die Anwälte von CIG dies in ihrer Klageerwiderung darstellen und es in der großen Star Citizen-Fangemeinde schon Konsens ist.

3. Ausschließliche Nutzung der CryEngine: Crytek beschuldigt CIG weiterhin, dass das Spielestudio nicht die Lumberyard-Engine anstatt der CryEnginge hätte nutzen dürfen. Dies leiten sie aus der Formulierung der Sektion 2.1.2 des Lizenzvertrages her, in der von einer “Ausschließlichkeit” (exclusively) der Lizenz die Rede ist.

Erwiderung: Hiergegen wenden die Anwälte von CIG jedoch ein, dass die Ausschließlichkeit nicht CIG eine Pflicht auferlegen würde, keine andere Engine zu verwenden, sondern im Gegenteil Crytek verpflichten würde, die durch den Vertrag erteilten Rechte ausschließlich CIG zu gewähren, und keinem anderen Unternehmen. Dies entspräche auch dauernder Rechtsprechung des neunten Court Circuits. (Minden Pictures, Inc. v. John Wiley & Sons, Inc. 795 F.3d 997, 1005 (9th Cir. 2015)). Auch dieser Vorwurf sieht sich also fundierter Opposition ausgesetzt.

4. Entfernung des “Crytek”-Namens und Logos: Ein weiterer Vorwurf lautet, dass CIG das Logo und den Namen von Crytek seit “kurz nach September 2016” nicht mehr wie im Lizenzvertrag geregelt in den Ladebildschirmen des Spiels darstellen. Außerdem würde CIG in ihren regelmäßig veröffentlichen Videos nicht mehr von der “CryEngine”, sondern von der “StarEngine” sprechen und laut der Klageschrift so die Teilhabe Cryteks an dem Spiel vermindern wollen.

Erwiderung: Die Beantwortung dieses Arguments lässt sich aus der vorangegangenen Erwiderung entwickeln: Die Pflicht, das Logo und den Namen darzustellen konnte wohl nur bis zu dem Zeitpunkt gegolten haben, bis zu dem auch tatsächlich die CryEngine genutzt wurde. Ob zwischen dem schwammigen “kurz nach September 2016” und dem Dezember 2016 ein Zeitraum festgestellt werden kann, in dem CIG gegen diese Pflicht verstoßen haben sollte, ist nun natürlich schwer zu sagen.

5. Fehlende Kollaboration und Veröffentlichung des Codes: Zu guter Letzt bringen die Anwälte Cryteks vor, dass CIG sich nicht wie vertraglich festgelegt an der Weiterentwicklung der CryEngine beteiligt, also entsprechende Bugfixes und Optimisierungen der Engine mit Crytek geteilt hätte. Außerdem hätte CIG in einer ihrer wöchentlicher Shows Teile des CryEngine Codes veröffentlich.

Erwiderung: Zu diesen Vorwürfen bleiben die Anwälte von CIG eine Antwort schuldig. Hinter diesen Vorwürfen könnte sich also tatsächlich Substanz befinden.

 

Fazit

Die aufsehenerregenden Vorwürfe Cryteks haben scheinbar einen wahren Kern, aber eben auch nur das. Neben dem wissentlichen Zurückhalten des Lizenzvertrages, den Falschbeschuldigungen gegen Ortwin Freyermuth, der allzufreien Auslegung des Artikels 2.1.2, den inhaltlichen Widersprüche und gewollt ungenauen Formulierungen hat Crytek die eventuell bestehenden Vertragsverletzungen von Cloud Imperium Games zu einem Skandal hochgespielt. Es bleibt zu sehen, zu welchem Ergebnis die Amerikanischen Gerichte in diesem nicht nur für die hochaktive Star Citizen Fan-Community interessanten Fall kommen werden.