E3: Hakenkreuze im neuen Call of Duty & Wolfenstein?

Zensur durch Publisher

Die E3 ist rum und viele begeistern sich für etliche gezeigte Spiele. Nun wurde Call of Duty: WWII bereits vorher angeteasert. Mit Wolfenstein 2 erhielten wir zusätzlich eine weitere potentiell in Deutschland zu zensierende Spieleperle. Bereits die ersten Trailer – abseits der Originalshow – zeigten nicht mehr den original Spielinhalt sondern ersetzten Hakenkreuze und SS-Runen sowie Wolfsangeln und Gauzeichen mit anderweitigen geometrischen Gebilden. Der Ku-Klux-Klan durfte aber unverändert durchs Bild marschieren.

Screenshot aus dem Wolfenstein 2 Trailer

In Deutschland herrscht keine Zensur – fast keine. Denn die Spieleentwickler unterwerfen sich einer freiwiligen Zensur. So kündigte Activision Blizzard an, den internationalen Multiplayer des Spiels Call of Duty: WWII als „überall spielbar“ zu gestalten, um „regionale Gepflogenheiten“ zu berücksichtigen. Mit anderen Worten: Möglicherweise Problematisches wird durch Unproblematisches ersetzt. Die deutsche Spielversion (USK) soll ebenfalls massiver „Informationskontrolle“ zum Opfer fallen, da man zwar ein authentisches Bild des Schlachtfelds abzeichnen möchte und dies „unheimlich wichtig“ sei, aber man wohl lieber doch kein Risiko eingehen möchte. Bethesdas Schnipseleien an Wolfenstein kennen wir ja bereits, hier wird wohl ebenfalls wieder die internationale Verpackung und die USK-Version irgendwelche Triangeln statt der angedachten Hakenkreuze zeigen.

Verändert sich das Spiel durch Schnitte und veränderte Grafiken?

Screenshot aus der veränderten Version

Was wird eigentlich aus so einem Spiel, wenn es beschnitten oder Grafiken ausgetauscht wurden? Wir schießen dann nicht mehr auf Nazis, was ja eigentlich der Spielzweck war: die Nationalsozialisten sollten bekämpft werden. Durch die Veränderung bekämpfen wir ein gesichtsloses „Regime“, welches als Gegner so austauschbar ist, wie die Hintergrundgeschichte Marios, wenn er mal wieder ein Schloß von einem Mittelgegner befreite. Dabei sollte man doch davon ausgehen können, dass gerade den Nationalsozialismus zu bekämpfen heute ein ehernes Ziel sei.

Zumindest bei Single-Player Spielen wie Wolfenstein verändert sich das Spielerlebnis also weg von dem intendierten. Bei Call of Duty: WWII muss man die grafischen Einschränkungen im Multiplayer-Teil natürlich relativieren, da man bei diesem Esport-Titel potentiell dann „Nazis“, oder zumindest Wehrmachtssoldaten spielen könnte. So etwas will keiner. Insofern ist die Entscheidung, eine „international spielbare Version“ zu veröffentlichen natürlich der politischen Korrektheit geschuldet. Man würde wohl in mehreren Staaten dieser Erde etwas erbost angeschaut, wenn man tatsächlich als „Nazi“-Team über den Gegner triumphieren dürfte.

 

International unbedenkliche Multiplayer Version

CoD WWII – Multiplayer Version

Zensur in Spielen: Hakenkreuze strafbar?

Wir haben bereits über die Thematik an sich, einen relativ umfangreichen Artikel veröffentlicht, wobei sich hier eine überblicksartige Wiederholung dennoch gebietet. Landläufig herrscht die Meinung vor, Propagandamaterial der Einheitspartei NSDAP aus der Zeit vor 1946 zu zeigen sei strafbar. Dies bestätigen auch die §§ 86, 86a StGB. Allerdings sieht man trotzdem in vielen Filmen, Dokumentationen und Werbeclips diese sogenannte verfassungsfeindliche Symbolik. Dies ist möglich, da in den entsprechenden Straftatbeständen Ausnahmeregelungen geschaffen wurden, welche die Strafbarkeit entfallen lassen, § 86 Abs. 3 StGB.

Die Strafbarkeit entfällt also immer dann, wenn das Zeigen der Symbole einem höheren Zweck, etwa der Wissenschaft, der Aufklärung der Zeitgeschichte oder eben der Kunst dient. Man spricht hier von der Sozialadäquanz. Wir sehen Hakenkreuze und SS-Runen in Filmen also nur deshalb, weil sie beispielsweise künstlerischen Wert haben. So würde niemand auf die Idee kommen, die Filmreihe „Indiana Jones“ oder das äußerst brutale Werk „Inglorious Basterds“ indizieren zu wollen oder die Produzenten hierfür anzuklagen.

Bei Spielen verhält sich die allgemein vorherrschende Meinung anders. Warum ist das so?

Problem: Rechtslage unbekannt / unklar

Spiele galten lange Zeit als nicht werthaltig und konnten einem öffentlich-medialen künstlerischen Anspruch nicht gerecht zu werden. Videospiele wurden schlicht als Daddelware für kleine Kinder abgetan und sind es in den Köpfen von manch ewig Gestrigen heute noch. So kam es, dass in der einzigen Endentscheidung in der Geschichte der BRD (übrigens auch der erste bekannt gewordene Fall eines Filesharings), die tatsächlich über ein Spiel ausschließlich zu § 86a StGB ergangen ist, die Richter in einem – aus heutiger Sicht absolut falschen – obiter dictum feststellten, dass die Sozialadäquanzschranke nicht für Videospiele gelten könne. Wir reden vom 1992 erschienen Wolfenstein, welches von dem Angeklagten mit dem Hinweis auf die vielen Hakenkreuze, Hitler etc im Rahmen seiner Gesinnung zu Propagandazwecken genutzt wurde.

Die Thematik an sich war also bereits eine völlig andere. Nicht das Spiel bzw. dessen Inhalt stand bei der Verhandlung 1995 im Verdacht, verfassungsfeindlich zu agieren, der später Verurteilte selbst nutzte dieses Spiel lediglich für seine Propagandazwecke. Seine Verurteilung erfolgte auch vollkommen zu Recht.

Nichtsdestotrotz, führte dieses Urteil von Richtern, welche damals Computer vermutlich nur aus der Ferne kannten, dazu, dass heute nahezu einhellig die mediale Öffentlichkeit denkt, Videospiele wären keine Kunst und daher dürfe man dort keine verfassungsfeindliche Symbolik implementieren, wenn man nicht den deutschen Strafverfolgungsbehörden „zum Opfer fallen“ möchte.

Auf manchen Gaming-Sites wird zudem behauptet, die Schranke des § 86 Abs. 3 StGB gelte nur zur „staatsbürgerlichen Aufklärung“ was natürlich Quatsch ist und den Anschein erweckt, dass die Eigenzensur im Sinne der Industrie salonfähig gemacht werden soll. Aber hat der Spieler nicht einen Anspruch auf ein Originalspiel, wenn das gesetzlich doch möglich ist? Die früher viel diskutierte „Gewaltschere“ spielt heute kaum und wenn dann nur noch eine absolut untergeordnete Rolle, was USK-Freigaben von Titeln wie Dead Rising 4 und Mortal Kombat XL zeigen. Warum sollte es dann der Industrie nicht auch möglich sein, die veraltete Sicht auf nationalsozialistische Symbole zu ändern?

Warum ändert sich das nicht?

Möchte man sein Spiel möglichst realistisch halten und thematisiert das dritte Reich oder den zweiten Weltkrieg, werden zwangsläufig verfassungsfeindliche Symbole zu finden sein. Weil sie eben damals einfach da waren. Es gehört also zum Thema. Videospiele sind längst als Kunstwerke anerkannt, das zeigt nicht nur der mediale Wandel sondern auch entsprechende staatliche Förderprogramme, Preisverleihungen, staatliche Spielangebote etc.

Das zeigen der Symbolik dient folglich der Kunst. Eine Strafbarkeit entfiele also, solange diesem Zweck nicht zuwidergelaufen wird, was in etwa denkbar wäre, wenn man auf deutscher Seite kämpfte und ein Kriegsverbrecher oder das NSDAP-Regime glorifiziert würde oder alle 10 Meter sinnlos beflaggte Masten stünden, die weder der Geschichte des Spiels geschuldet noch sonst irgendwie notwendig sind.

Ein Spiel zu produzieren kostet enorm viele Ressourcen. Die Produzenten und Entwickler gehen in der Regel möglichst wenig Risiken ein. Schon gleich keine persönlichen. Sollte es aber zu einem Ermittlungsverfahren kommen, würden die verantwortlichen Spielehersteller zunächst persönlich betroffen sein. Der Wunsch, dies nicht zu riskieren kann wohl keinem verwehrt werden. Die zwangsweise Indizierung durch die BPjM kann sich natürlich ebenfalls erheblich auf die Gewinne auswirken. Zumal Fans von Originalspielen ihre Titel meist schon aus Routine vom bergigen Ausland beziehen, können Hersteller die entgangenen Gewinne durch „Protestnichtkauf“ der zensierten Version, durch entsprechende internationale unproblematisch kompensieren.

Auch möchte sich wohl kein Unternehmen damit rühmen, in Deutschland Hakenkreuze wieder salonfähig gemacht zu haben (obwohl sie das auf Grund der vielen Filme, Dokumentationen und ständigen „öffentlichen Erinnerung“ zu dieser Thematik sehr wohl längst sind): Fragt man unter den Jungen nach, sind sie an dieses Symbol gewöhnt. Die Jugend findet Hakenkreuze heutzutage nicht weiter schlimm, kann mit Hitler nichts großartig anfangen und hat auch keine „Angst vor Nazis“ oder dem Wiederaufkeimen eines nationalsozialistischen Regimes. In einem Rundfunkbeitrag wurde sogar ein Jugendlicher gezeigt, welcher Hitler für den amtierenden Bundeskanzler hielt. Insofern wäre auch zu prüfen, ob der Zweck der §§ 86, 86a StGB überhaupt noch erfüllt werden kann, der ja maßgeblich – glaubt man den Richtern zur Wolfenstein Entscheidung – vor einer solchen Gewöhnung schützen soll.

Zensur erfolgt aus Angst

So kommt es, dass bei der Übertragung des Livestreams der E3 über „Gamestar“ noch fein säuberlich das Video im Trailer zu Wolfenstein 2 vor Schluss beendet wurde, um ja kein „böses Symbol“ zu zeigen, bei Bethesda prinzipiell nur der zensierte Trailer von Wolfenstein 2 hochgeladen und bei vielen anderen Newsmagazinen die Stellen herausgeschnitten werden. Dennoch fanden und finden sich noch heute einige deutsche Streamer, die den unzensierten Originalbeitrag teilen oder gar selbst vervielfältigen. Fraglich ist, ob den potentiellen Straftätern dieser Umstand bewusst ist. Interessant wäre die Einleitung entsprechender Strafverfahren, da sich dann potentiell sogar höchste Gerichte erstmals wirklich mit der Thematik auseinander setzen müssten.

 

Falls jemand unter unseren Lesern von einer entsprechenden Einleitung eines Ermittlungsverfahren erfährt, wären wir um entsprechende Hinweise dankbar, um die Thematik weiter verfolgen zu können.

 

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Michael Scheyhing, 15.06.2017