E-Sport als olympische Disziplin?


Können E-Sports tatsächlich olympische Disziplinen werden?

Es überrascht nicht: E-Sports sind in Deutschland für die meisten Bürger böhmische Dörfer. Dies zeigt auch die neue umfassende Studie zum Thema E-Sports von Deloitte in Kooperation mit dem Bundesverband Interaktiver Unterhaltungssoftware (BIU). Selbst unter den jungen Männern zwischen 14 und 34 Jahren, laut der Studie die Hauptzielgruppe von E-Sports, können nur etwas unter 45 % den Begriff präzise einordnen. Bei den über 65-jährigen sinkt die Zahl auf schlappe 7 %. Die Wachstumszahlen können sich dagegen schon viel eher sehen lassen: Bis 2020 sollen hierzulande nach den Schätzungen von Deloitte etwa 130 Millionen Euro mit E-Sports umgesetzt werden, womit man die Bundesligen im Handball, Basketball oder Eishockey ein- oder sogar überholen würde.

Angesichts dessen lässt sich vielleicht auch der Vorstoß von Tony Estanguet erklären, dem Co-Präsidenten des französischen olympischen Komitees für die Spiele 2024. Er möchte Verhandlungen mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) aufnehmen, um E-Sports auch in Frankreich zu Medaillensportarten zu machen.

Wie stehen jedoch die Chancen für die olympische Zulassung? Ist im E-Sport denn überhaupt Sport?

 

Der internationale E-Sport-Verband

Die Voraussetzungen für die Neuzulassung einer Disziplin finden sich in der olympischen Charta wieder. Die endgültige Entscheidung trifft nach dem Nebengesetz 1.1 und 1.2 zur Regel 45 der Charta die Gesamtversammlung des IOC, bis spätestens 3 Jahre vor der Eröffnung der entsprechenden Spiele. Um als Disziplin in Betracht gezogen werden zu können, muss sie nach Nebengesetz 1.3 jedoch von einem internationalen Sportverband vertreten werden, welcher sich in der Liste unter 1.3.1 befindet oder der nach 1.3.2 vom IOC anerkannt wurde.

Dass es zurzeit noch keinen solchermaßen anerkannten E-Sport-Verband gibt, kann kaum überraschen. Es gibt jedoch Verbände, die sich um die Erfüllung der Voraussetzungen bemühen, wie etwa die International eSport Federation (IeSF). Diese müsste laut Artikel 2.1 der IOC Recognition Procedure jedoch zum Beispiel 50 Länder von drei verschiedenen Kontinenten vertreten, sowie schon seit fünf Jahren der einzige Verband weltweit sein, der den Sport vertritt. Die IeSF verfügt immerhin schon über 43 Mitglieder. Weiterhin müsste der Verbund auch überwachen, ob die olympischen Werte in den Disziplinen eingehalten werden, etwa Anti-Doping, Geschlechtergleichstellung sowie faire und friedliche Wettkämpfe. Auch wird eine aktive Jugendarbeit verlangt.

Aber selbst wenn diese Voraussetzungen erfüllt wären bleibt die Frage unbeantwortet, ob E-Sports generell als Sportarten im olympischen Sinne bezeichnet werden können. Zu unterschiedlich sind schon die einzelnen Spielegenres die als Disziplin ins Feld geführt werden können. Vom Hochleistungsklicken bei Dota2 oder LoL über reaktionsintensives Spielen bei Call of Duty, Rainbow 6 oder CS:GO bis hin zum eher taktischen Kicken bei FIFA und PES oder gar reiner Grübeltechnik in Hearthstone, ist einerseits hoher körperlicher Stress oder eher geistige Tätigkeit an der Tagesordnung.

 

Die „Agenda 2020“ eröffnet Chancen

Die Voraussetzungen sind streng und viele Sportarten versuchen bald seit Jahrzehnten olympisch zu werden. Jedoch hat sich beim IOC ein Wandel abgezeichnet, der 2014 mit der „Agenda 2020“ in Schriftform gegossen wurde. Hier finden sich in „Vorschlägen“ formulierte Zielbestimmungen, welche das Erlebnis Olympia grundlegend verändern sollen. In Vorschlag 10 ist beispielsweise formuliert, dass sich die Olympiade von einem „Sport-basierten“-Programm hin zu einem „Event-basierten“-Programm entwickeln soll. Weiterhin soll die ausrichtende Stadt und das ausrichtende Land stärker eingebunden werden, indem sie Events oder Sportarten vorschlagen können und die olympischen Spiele individueller auf ihre ökonomischen, kulturellen und sozialen Bedürfnisse auszurichten.

Dies basiert laut der als Vorwort zur Agenda 2020 dienenden Rede des IOC-Präsidenten Thomas Bach zur Eröffnung der 127sten IOC-Sitzung vor allem auf dem Willen, die Olympiade aktiv auf die moderne, diverse und digitale Gesellschaft auszurichten, um nicht von dem gesellschaftlichen Wandel überholt zu werden. Vor allem soll auch die Jugend erreicht werden, um ihr die olympischen Ideale näher bringen zu können. Ob Herr Bach damit sagen wollte, dass E-Sport olympisch werden sollte, bleibt zu bezweifeln. Er selbst zeigt sich bei dieser Frage noch sehr reserviert. Er wäre sich noch nicht zu hundert Prozent sicher, ob die körperliche Komponente ausreichend wäre, um E-Sport als Sport zu bezeichnen. Jedoch möchte er die Entwicklungen im Auge behalten und insbesondere die Asia-Spiele 2022 beobachten, bei welchen zum ersten Mal um E-Sport-Medaillen gespielt wird.

Es bleibt jedoch zu sagen, dass die neue Flexibilität des Veranstalterlandes und der Neuausrichtung der Olympiade auf die schon erwähnten Events die Zulassung von E-Sports als olympische Disziplinen zumindest theoretisch ermöglicht haben. Zwingende Voraussetzung bleibt jedoch das Vorhandensein eines internationalen Sportverbandes. Und laut Aussage von IOC-Präsidenten Thomas Bach sieht er die hierfür notwendigen Strukturen im E-Sport noch nicht. Hier besteht also dringender Handlungsbedarf von all jenen, die im Jahr 2024 gerne E-Sportler um das olympische Gold kämpfen sehen wollen.

Dies gilt insbesondere für das ehemalige 44ste Mitglied der IeSF: der Deutsche eSport-Bund verlor seinen Mitgliedstatus im Jahr 2011 wegen Inaktivität. Ein E-Sport-Verband wie er nötig wäre, zeichnet sich derzeit in Deutschland nicht ab.


Logo Gameslaw TMLukas Kissel, 16.08.2017