Matchmaking als neues Werbe-Mittel?


Eines der essentiellsten Bestandteile eines modernen, auf kompetitiver Basis gespielten Mehrspieler-Titels ist wohl unbestritten der Prozess des Matchmakings. Die Algorithmen, welche Spielern gleichwertige Mitspieler zuweisen, für ausbalancierte Matches sorgen und damit sowohl für forderndes als auch möglichst wenig frustrierendes Gameplay sorgen, sind die Basis eines jeden Online-Matches. Vorbei sind die Zeiten, zu denen wir noch in unübersichtlichen Server-Browsern nach dem einen Spiel, das unseren Fähigkeiten und Vorlieben entsprach, gesucht haben, nur um letzten Endes doch in Grund und Boden gestampft zu werden. Heutzutage übernimmt der PC die Zuweisung und sorgt für ein rundes Spielerlebnis. Dabei spielen für gewöhnlich Parameter wie eigene Fähigkeiten, Rang, Freundesgruppen und bevorzugte Maps eine Rolle.

Doch ein bei der US-Patentbehörde “USPTO” angemeldetes Patent des Branchen-Giganten Activision geht andere Wege und sorgt damit in Zeiten der Diskussion um Micro-Transactions und zweifelhafter DLC-Preispolitik für Furore. Dieses enthält neben den bekannten Parametern auch solche, die sich daran orientieren sollen, welche InGame-Käufe bestimmte Spieler getätigt haben und sollen dafür sorgen, dass Spieler ohne solche Käufe dazu animiert werden. Dieser Beitrag soll den Inhalt der fraglichen Zeilen des Patents beleuchten und sich mit der Frage auseinander setzen, welche rechtlichen Risiken und Probleme daraus zukünftig entstehen könnten.

Über die ebenfalls interessante Problematik der Eintragungsfähigkeit von Software-Patenten berichten wir zeitnah in einem gesonderten Artikel.

 

Was wurde patentiert?

Bei der Lektüre der Patentbeschreibung fallen zunächst kaum Besonderheiten auf. Das Matchmaking solle sich an Parametern wie Fähigkeiten, Rang, Wartezeit in der Lobby sowie aktiven Gruppen oder Freunden orientieren. Insoweit beschreibt das Patent weitestgehend die aktuell gängigen Methoden, Spieler einander im kompetitiven Spiel zuzuweisen und Paarungen auszulosen. Wird jedoch weitergelesen, so stolpert der geneigte Leser über einen Abschnitt, der sich explizit mit der implementierung von Micro-Transactions in den Prozess des Matchmakings beschäftigt.

So soll ein Spieler, der im Spiel einen Gegenstand kauft, durch den Algorithmus solchen Matches zugelost werden, in welchen er den gekauften Gegenstand besonders häufig oder effektiv einsetzen kann. Kauft der Spieler beispielsweise eine Waffe mit hoher Genauigkeit auf große Reichweiten, so wird er vornehmlich auf weitläufigen, offenen Karten spielen.

Dies ist zunächst wenig beachtenswert, stellt es doch lediglich eine weitere Art der Werbung dar und wird vom einzelnen Spieler kaum negativ bemerkt werden. Weitaus problematischer erscheint jedoch folgender Absatz:

 

For example, in one implementation, the system may include a microtransaction engine that arranges matches to influence game-related purchases. For instance, the microtransaction engine may match a more expert/marquee player with a junior player to encourage the junior player to make game-related purchases of items possessed/used by the marquee player. A junior player may wish to emulate the marquee player by obtaining weapons or other items used by the marquee player.

The microtransaction engine may analyze various items used by marquee players and, if the items are being promoted for sale, match the marquee player with another player (e.g., a junior player) that does not use or own the items. Similarly, the microtransaction engine may identify items to be promoted, identify marquee players that use those items, and match the marquee players with other players who do not use those items. In this manner, the microtransaction engine may leverage the matchmaking abilities described herein to influence purchase decisions for game-related purchases.

 

Demnach kann der Algorithmus darauf ausgerichtet werden, unerfahreneren Spielern solche Matches zuzulosen, in welchen sich weitaus erfahrenere Spieler befinden, wenn diese bestimmte Gegenstände aus dem Shop verwenden. Dadurch soll beim unerfahreneren Spieler der Wunsch geweckt werden, den Profi zu “kopieren”, indem er die Gegenstände, die dieser verwendet, käuflich erwirbt.

Das Matchmaking soll darüber hinaus analysieren, welche Gegenstände von Profis am häufigsten genutzt werden und, sobald diese Gegenstände für einen Sale beworben werden, die Matches so paaren, dass diese Profis mit anderen, unerfahreneren Spielern spielen, welche diese Gegenstände noch nicht besitzen.

 

Diese Art des Matchmaking ist zum einen aus Perspektive der Spieler kritisch, denn dadurch würde das Online-Matchmaking nicht mehr von dem Gedanken der Fairness, der Progression und des individuellen Spielspaßes geprägt sein, sondern sich daran ausrichten, wie der Käufer des Spiels bestmöglich zum Kauf von Zusatz-Items angeregt werden kann. Aber auch aus juristischer Sicht birgt der Vorstoß Activisions Grund zu Bedenken:

 

Matchmaking-Parameter als Sachmangel?

Das BGB regelt beim Kauf von beweglichen Sachen in den §§ 434 ff. BGB die Rechte des Käufers bei Mangelhaftigkeit der Sache. Aus § 453 Abs. 1 BGB ergibt sich eine Anwendbarkeit der Mängelgewährleistung auch für Software, die dauerhaft erworben wird.

Somit stellt sich die Frage, ob durch einen solchen Algorithmus in bestimmten Fällen nicht sogar die Mangelhaftigkeit der Software begründet werden kann, mitsamt sämtlicher Gewährleistungsrechte wie Schadensersatz, Anspruch auf Nacherfüllung oder Rücktritt vom Kaufvertrag.

Dazu müsste die gekaufte Software bei Gefahrübergang nicht die vereinbarte Beschaffenheit haben. Bei einem Mehrspieler-Titel wie beispielsweise Destiny 2 oder der Call of Duty-Reihe basiert die Kaufentscheidung der überwiegenden Mehrheit der Spieler auf dem gelungenen Online-Part. Wesentlicher Bestandteil des Mehrspieler-Modus ist dabei das Matchmaking. Durch den Verzicht vieler Hersteller auf dezidierte Server und eigenständige Server-Browser ist der Spieler heutzutage maßgeblich auf diese Art und Weise der Spielanbahnung angewiesen. Dabei ist von essentieller Bedeutung, dass die Spieler anhand fairer und erkennbarer Kriterien zugelost werden. Der Spieler beabsichtigt meist ein kompetitives Spiel, das auf einer Ebene vergleichbaren Könnens stattfindet.

Wird das Matchmaking infolge eines geänderten Algorithmus nun davon mitbestimmt, welche Gegenstände oder Waffen gerade im Sale sind, ist ein durchweg faires, kompetitives Spiel kaum mehr möglich. Damit würde die gekaufte Software nicht die vereinbarte Beschaffenheit – nämlich die implementierung eines funktionierenden und kompetitiven Standards entsprechenden Mehrspielermodus – aufweisen, wenn dieses Vorgehen vom Publisher vor dem Kauf nicht ausdrücklich kommuniziert wurde.

Je nach Ausgestaltung und Intensität der Veränderung im Matchmaking halten wir es zum aktuellen Zeitpunkt zumindest für möglich, dass sich hieraus Fälle der Gewährleistung ergeben könnten.

 

Mögliche Verbraucherschutz-Problematiken

Auch hinsichtlich des Verbraucherschutzes könnte der Einsatz eines solchen Algorithmus durchaus problematisch sein. So verbietet § 3 Abs. 1 UWG unlautere geschäftliche Handlungen. Eine Handlung gegenüber einem Verbraucher ist dann unlauter, wenn sie nicht der unternehmerischen Sorgfalt entsprechen und dazu geeignet sind, das wirtschaftliche Verhalten des Verbrauchers wesentlich zu beeinflussen. Die geplanten Algorithmen sind nicht nur geeignet, das wirtschaftliche Verhalten des Verbrauchers zu beeinflussen, sie sind gerade zu diesem Zweck entworfen worden.

Unternehmerische Sorgfalt bedeutet in diesem Sinne die Sorgfalt, die von einem Unternehmer in seinem Tätigkeitsbereich gegenüber den Verbrauchern erwartet werden kann, § 2 Abs. 1 Nr. 7 UWG. Bezogen auf den Publisher eines kompetitiven Mehrspieler-Titels muss dies umfassen, jedenfalls transparent mit den Faktoren, die das kompetitive Spiel beeinflussen können, umzugehen.

Auch hier sehen wir aktuell die Gefahr von Verstößen gegen das UWG, je nach Ausgestaltung und Einsatz des besprochenen Patents.

 

Fazit

Zum aktuellen Zeitpunkt kann über die Zulässigkeit oder mögliche Rechtsfolgen des patentierten Algorithmus wenig gesagt werden. Vieles hängt davon ab, ob, in welcher Art, Intensität und vor allem in welchen Titeln dieser eingesetzt werden soll. Zudem ist zu beobachten, welchen Einfluss er tatsächlich auf die Verbraucher hat. Das Potenzial, rechtlich problematisch zu werden, ist aber zumindest gegeben.


Nicolas Hermann, 20.10.2017